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Botanische Gärten · 12 min

Botanischer Garten Berlin-Dahlem, Mai 2026 — der Bericht

Heft № 21, Mai 2026. Ein Besuch am 8. Mai im BGBM — Titanwurz-Knospe in der Vorbereitung, 1.500 Sukkulenten-Arten, 3,5 Millionen Herbarbelege und eine Geschichte, die durch zwei deutsche Staaten verläuft.

Botanischer Garten Berlin-Dahlem, Mai 2026 — der Bericht
Botanische Gärten 12.05.2026

Am Vormittag des 8. Mai 2026 standen wir vor dem Königin-Luise-Eingang an der Königin-Luise-Straße 6–8 in Berlin-Dahlem. Es regnete leicht, was uns recht war — bei trockenem Sonnenschein verteilen sich Schulklassen über die Wege, der Garten wirkt dann eher wie ein Park. Wir wollten arbeiten. Und arbeiten heißt im Botanischen Garten und Botanischen Museum Berlin-Dahlem: messen, vergleichen, notieren.

Eine Institution, gegründet 1679

Die Geschichte des BGBM beginnt 1679 als kurfürstlicher Küchengarten in Schöneberg, ausgelagert aus dem Lustgarten am Stadtschloss. 1809 wurde er zum botanischen Lehrgarten, 1815 der Berliner Universität angegliedert. Die heutige Anlage in Dahlem entstand zwischen 1897 und 1910 unter der Federführung von Adolf Engler — dem damaligen Direktor — und Alfred Koerner als Architekt der Glashäuser. Eröffnet wurde der neue Standort 1910. Mit 43 Hektar Fläche und rund 22.000 dokumentierten Pflanzenarten gehört der BGBM bis heute zu den drei größten botanischen Gärten weltweit. Die Vergleichsdaten — Royal Botanic Gardens Kew bei rund 27.000 Arten, Missouri Botanical Garden bei etwa 15.000 — werden im Garten selbst in der Dauerausstellung visualisiert.

Pflanzengeographie als Lehrgang

Die Gliederung der Freilandflächen folgt einem Prinzip, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde: pflanzengeographisch nach Kontinenten und Klimazonen. Wer von Süden her einsteigt, durchquert in unter einer Stunde die Floren Nordamerikas, Ost- und Westasiens, des Mittelmeerraums und der Alpen. Wir blieben am 8. Mai zwei Stunden allein im Asiatischen Garten. Die Magnolia sieboldii hatte ihre erste Blüte des Jahres geöffnet, die japanischen Bergahorne (Acer palmatum in verschiedenen Kultivaren) standen im hellgrünen Frühaustrieb. Die alpine Anlage — terrassiert, mit eingelassenen Kalksteinblöcken — zeigte Gentiana acaulis in voller Blüte, dazu zwei Saxifraga-Arten und die zarte Primula auricula.

Parallel verläuft die Systematische Abteilung, gegliedert nicht geographisch, sondern nach evolutionärer Verwandtschaft. Hier studiert man Familien und Gattungen im direkten Beet-Vergleich — Brassicaceae neben Cleomaceae, Apiaceae als geschlossene Beet-Linie. Für didaktische Zwecke ist diese Abteilung unschlagbar, für Spaziergänger:innen weniger spektakulär.

Glashäuser: das Große Tropenhaus

Den architektonischen Mittelpunkt bildet das Große Tropenhaus, 1907 von Alfred Koerner entworfen, 60 Meter lang, 30 Meter breit, im First 25 Meter hoch. Bei der Wiedereröffnung nach umfassender Sanierung 2009 wurde die Glasfläche aktualisiert, die Tragstruktur aber erhalten. Innen herrschen ganzjährig 24 bis 28 °C bei 75 bis 90 Prozent Luftfeuchtigkeit — Werte, die man als Topfpflanzen-Halter:in mit Demut zur Kenntnis nimmt. Die Bambushaine im Westflügel haben Triebhöhen über 12 Meter erreicht.

Direkt angeschlossen das Victoria-Haus, ein quadratisches Glashaus für die südamerikanische Riesenseerose der Gattung Victoria (Sowerby, 1850). Im Mai sind die Schwimmblätter noch klein — die volle Ausdehnung von bis zu zwei Metern Durchmesser entwickelt sich erst im Hochsommer. Im Mexikohaus dann der Gegenpol: Sukkulenten und Kakteen, niedrige Luftfeuchtigkeit, 35 bis 40 °C am Mittag im Sommer. Die Sammlung dort umfasst mit ergänzenden Außen- und Anzuchtflächen über 1.500 Arten, darunter eine bemerkenswerte Reihe alter Ferocactus-Exemplare aus den 1930er Jahren.

Titanwurz: der Knollenkalender

Der Star des aktuellen Gärtnerjahrs ist — wie in den meisten Mai-Monaten der vergangenen drei Jahrzehnte — die Titanwurz, Amorphophallus titanum. Beheimatet auf Sumatra, beschrieben 1878 von Odoardo Beccari. Die unterirdische Knolle erreicht bei kultivierten Exemplaren 50 bis 80 Kilogramm; der Blütenstand schiebt sich nach mehrjähriger Ruhephase in zehn bis vierzehn Tagen auf eine Höhe von 2,50 bis 3,20 Metern, öffnet sich für 48 bis 72 Stunden und verströmt in dieser Zeit den aasartigen Geruch, der die Bestäuber (Aaskäfer, Schmeißfliegen) anlockt.

Der Dahlemer Bestand hat seit 1996 mehrfach geblüht, jeweils mit Medienandrang und Sonderöffnungszeiten. Am 8. Mai 2026 standen zwei Knollen im Vorderhaus; eine Knospe von rund 80 cm Höhe wurde von der Kuratorin auf eine Öffnung in der dritten Mai-Woche datiert. Wer dieses Heft liest, kann den Garten anrufen — die aktuelle Schätzung wird telefonisch und auf der Webseite tagesaktuell aktualisiert.

Herbarium und Forschung

Hinter dem Publikumsbereich liegt, für Besucher:innen kaum sichtbar, der wissenschaftliche Kern: das Herbarium Berolinense mit rund 3,5 Millionen Belegen. Es ist eines der größten Pflanzen-Herbare Europas; nach der Zerstörung großer Teile im Zweiten Weltkrieg (rund 80 Prozent des Vorkriegsbestands verbrannten in der Bombennacht des 1. März 1943) wurde der Bestand systematisch wieder aufgebaut, ergänzt um Schenkungen und Tauschpartnerschaften. Die aktuelle Forschung — DFG-finanzierte Projekte zur Phylogenie der Caryophyllales, ein Schwerpunkt auf afrikanischen Asteraceae — ist über die Webseite des BGBM zugänglich.

Praktisch

Eintritt im Frühjahr 2026: 6,00 Euro Erwachsene, 3,00 Euro ermäßigt, freier Eintritt für Kinder unter sechs Jahren. Eine Jahreskarte kostet 35,00 Euro und rentiert sich ab dem fünften Besuch. Öffnungszeiten Mai bis Oktober täglich 9 bis 20 Uhr, November bis Februar 9 bis 16 Uhr. Anreise mit der U-Bahn U3 bis Dahlem-Dorf, von dort sechs Minuten zu Fuß zum Eingang Königin-Luise-Straße; alternativ Bus M48 oder X11. Ein Café im Bereich des Botanischen Museums; eigene Brotzeit auf den Bänken im Italienischen Garten ist zugelassen und empfohlen.

Zwei deutsche Gärten — und wie sie wieder zusammenfanden

Nicht oft erinnert man sich in Dahlem an die geteilte Nachkriegszeit. Bis 1989 war der BGBM ein westberliner Garten, organisatorisch der Freien Universität angegliedert. Die ostdeutsche botanische Forschung lief parallel und weitgehend unabhängig — der Botanische Garten Halle (Saale), der Botanische Garten Pillnitz bei Dresden, der Garten in Jena. Tausch von Saatgut zwischen Ost und West fand statt, aber unter politischer Beobachtung. Erst nach 1990 begannen die formellen Kooperationen, die heute selbstverständlich sind: gemeinsame Index-Seminum-Listen, gemeinsame Sammelreisen, gemeinsame Datenbanken im Rahmen des Verbands Botanischer Gärten.

Wir standen am Nachmittag des 8. Mai am Engler-Denkmal, der Regen hatte aufgehört, eine Amsel sang aus dem Asiatischen Garten herüber. Ein Garten dieser Größe ist kein Ausflug, sondern ein Studienort. Wir kommen im Juli wieder, wenn die Victoria auf voller Fläche schwimmt.

Redaktion HORTUS, Heft № 21, Mai 2026


Ressort: Botanische Gärten